Folge 23: Jüdisches Leben: Tradition, Vielfalt und Zusammenleben
Shownotes
Zu Gast ist Rifka Junger von der Dialogplattform Staat & Gesellschaft, Referentin für Antisemitismusprävention, Holocaustgedenken und jüdisches Leben. Im Gespräch geht es um die Bedeutung von Rosh ha-Shana, jüdische Traditionen und die Vielfalt jüdischen Lebens in Österreich. Rifka Junger spricht außerdem über Vorurteile, Berührungsängste und darüber, was es für ein selbstverständliches jüdisches Zusammenleben braucht.
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00:00:00: Interessant ist, dass in Österreich schon ganz alte Riten existieren, aus dem Mittelalter noch,
00:00:07: die hier in entstanden sind in der jüdischen Gemeinde,
00:00:09: die bis heute noch mitgetragen werden, nicht nur in Österreich,
00:00:12: sondern global. Mittlerweile von der Mehrheit der jüdischen Gesellschaft.
00:00:19: [Musik]
00:00:20: Moderatorin: Herzlich willkommen am Ballhausplatz, dem Podcast des
00:00:25: österreichischen Bundeskanzleramts. Mein Name ist Amra Mulic und gemeinsam blicken wir hinter
00:00:29: die Kulissen und sprechen über aktuelle Schlagzeilen. Jüdinnen und Juden haben
00:00:34: dieses Wochenende Rosch ha-Schana gefeiert, das Neujahrsfest. Ich begrüße dazu heute Rifka Junger
00:00:40: im Studio und spreche mit ihr über dieses Thema und jüdisches Zusammenleben. Herzlich willkommen.
00:00:45: Junger: Hallo. Danke für die Einladung.
00:00:47: Moderatorin: Was bedeutet Rosch ha-Schana für die jüdische Gemeinden in Österreich
00:00:51: und welche Traditionen sind mit dem jüdischen Neujahrsfest verbunden?
00:00:55: Junger: Also Rosch ha-Schana ist das jüdische Neujahr. Rosch bedeutet eigentlich Kopf. Es ist so
00:00:59: wie das Kopf vom Jahr und geht nach der Erzählung der sogenannten, seit Erschaffung der Welt. Also,
00:01:06: wir haben, wir feiern jetzt 5787 Jahre und wird weltweit gefeiert von Jüdinnen und Juden überall
00:01:14: schon seit tausenden von Jahren. Für Österreich, ich glaube jeder hat seine Traditionen,
00:01:21: die von der von der Familie mitgebracht wird. Interessant ist, dass in Österreich schon ganz
00:01:29: alte Riten existieren, also aus dem Mittelalter noch die hier in Österreich entstanden sind von
00:01:34: der jüdischen Gemeinde, die bis heute noch mitgetragen werden, nicht nur in Österreich,
00:01:38: sondern global, mittlerweile von Mehrheit der jüdischen Gesellschaft. Sehr viel ist mit,
00:01:45: also sehr viel Gebet, aber auch mit Essen. Bei uns ist Essen etwas sehr symbolisches,
00:01:50: wenn Leute wissen, was Koscher ist und so weiter. Essen hat bei uns eine besondere Bedeutung und
00:01:55: Rosch ha-Schana wird ganz vieles gegessen, das symbolisch eine tiefere Bedeutung hat, z.B., was
00:02:04: besonders für Österreich ist, das habe ich in den also mittelalterlichen Schriften gefunden, viele
00:02:09: kennen, dass man vom Kopf vom Fisch was isst und da spricht man einen Segen: "Möge, möge das Jahr
00:02:16: wie der Kopf und nicht wie der Hinterteil werden!" Also sozusagen wir sollen mit dem Kopf denken,
00:02:22: wir sollen vorne stehen, bedeutend wirken. Aber anscheinend in Österreich entstanden ist auch,
00:02:33: dass man nicht nur vom Fisch, sondern vom Lamm ein Stück Fleisch isst. Und früher hat man das,
00:02:41: wenn ich das in den Büchern aus den, aus der Rabbiner, aus dem Mittelalter in Österreich lese,
00:02:46: in Honig getunkt. Was wir heute übernommen haben davon, viele essen immer noch vom Kopf vom Lamm
00:02:54: was. Also in meiner Familie z.B. ist das auch Tradition. Honig ist etwas eher, dass wir mit dem
00:03:00: Apfel, das kennen vielleicht viele, dass man einen roten Apfel, rot bedeutet Leben und dass man das
00:03:07: in Honig tunkt, um sozusagen uns ein süßes neues Jahr zu wünschen. Also die Liste von Traditionen,
00:03:13: also was man isst an Rosch ha-Schana, das symbolische Bedeutung hat, ist endlos
00:03:19: und auch sprachlich sehr verbunden. Das heißt, wenn in einer gewissen Sprache ein, irgendein
00:03:27: Lebensmittel, ein Essen eine Bedeutung hat, z.B. askenasische Juden, also Juden aus dem ehemaligen
00:03:34: Rheinland oder auch Österreich eigentlich, essen Karotten, "Mehren" und wünschen uns, dass uns
00:03:44: gute Dinge mehren soll im kommenden Jahr. Und da gibt es z.B. man sagt, die Franzosen würden Banane
00:03:51: essen für "Bonne année", das gute neue Jahr. Also, das geht wirklich weit, weit hinaus, aber die,
00:03:59: die grundsätzlichen Traditionen stehen schon im Talmud. Das heißt, wir sprechen von tausenden
00:04:04: Jahren die gleichen Traditionen. Außerdem wird gebetet sehr viel, also lange Gebete, längere wie
00:04:13: gewöhnlich, wie ein normalen Schabbat, z.B. das Schofar wird geblasen, das ist ein Widderhorn. Da
00:04:20: gibt es ganz besondere Töne, die geblasen werden müssen, auch an der Anzahl, wie viele geblasen
00:04:27: werden müssen. Und jeder Ton hat eine andere Bedeutung. Er soll uns erwecken. Es soll uns
00:04:33: erinnern, dass wir Gott sozusagen als König krönen zu Rosch ha-Schana wie man früher bei dem König,
00:04:44: bei dem Zug durch die Stadt auch mit Trompeten und so weiter, bekundet hat. Das, das macht man
00:04:51: heute sozusagen auch mit der Schofar. Dann gibt es eine Tradition, das auch das älteste Source, also
00:05:00: Quelle dafür ist auch in einer Schrift, das aus Wien stammt, aus Österreich stammt, nicht Wien,
00:05:07: dass man zum Wasser geht zu Rosch ha-Schana, wo es lebendige Fische gibt und dort ein Gebet spricht,
00:05:14: dass Gott uns verzeihen soll. Rosch ha-Schana ist eigentlich nicht der Tag, der Feiertag zur
00:05:19: Vergebung. Das ist 10 Tage später zu Yom Kippur. Es ist eigentlich der Tag, wo wir für die Zukunft
00:05:24: beten, für das neue Jahr, dass es ein gutes neues Jahr wird. Das heißt, wir beginnen damit,
00:05:29: dass wir in die Zukunft schauen und haben dann 10 Tage bis Yom Kippur, wozu Yom Kippur wir
00:05:35: rückblickend uns versöhnen zwischenmenschlich, aber auch zwischen Gott. Und das diese Tradition
00:05:42: stammt auch aus Österreich, dass man zum Wasser geht. Das nennt sich Taschlich,
00:05:47: dass man dort Gott um Vergebung bittet, aber auch für die Zukunft sozusagen nach vorne schaut.
00:05:56: Moderatorin: Wie wünscht man sich eigentlich ein
00:05:58: schöne gutes neues Jahr und wie lange wird Rosch ha-Schana gefeiert? Ist es
00:06:03: wie in Österreich von 31. auf 1. Jänner oder wie kann man sich das vorstellen?
00:06:11: Junger: Also man wünscht sich, die kürzeste Version ist Schana tova, das heißt "Gutes neues
00:06:17: Jahr" oder Schana tova u’metuka, "Ein süßes neues Jahr". Dann gibt es einen längeren Satz, dass man
00:06:23: sich wünscht am Abend, also am Eingang vom neuen Jahr von Rosch ha-Schana. Das jüdische Neujahrfest
00:06:30: beginnt so wie alle, also wie der jüdische Tag eigentlich mit Sonnenuntergang. Das heißt, und
00:06:36: dauert aber 25 Stunden, nicht 24 Stunden, es bis in die nächste Nacht dauert und Rosch ha-Schana
00:06:42: dauert 2 Tage. Das heißt, beginnen tut es am Freitag, also dieses Jahr am Freitag am Abend
00:06:48: und endet dann Sonntag nach, also wenn es bereits dunkel ist, also 2 volle Tage. Zu Rosch ha-Schana,
00:06:57: was in, nach jüdischen Glauben ist Rosch ha-Schana ja sozusagen die, die Geburtsstunde
00:07:04: der Welt oder eigentlich der Menschheit und da wünscht man sich nicht nur für sich selbst,
00:07:10: sondern für die ganze Welt. Das heißt, die Gebete in der Synagoge, da geht es sowohl jeder für ein
00:07:15: einzeln, für sich, jeder für was man hofft, für Gesundheit, für Glück, für also alles Mögliche.
00:07:23: Jede Person weiß ja, was man sich für sich selber wünscht. Dann aber auch für die Familie, für die
00:07:28: Gemeinde sozusagen in der Synagoge, die Gemeinde in der Stadt, das heißt die jüdische Gemeinde
00:07:34: in Wien z.B. in Österreich, aber auch für die Menschheit. Das heißt, es geht nicht nur um uns,
00:07:39: es geht um alle Menschen. Das heißt Schana tova ist eigentlich für jeden, wir wünschen
00:07:44: eigentlich jeden ein gutes neues Jahr, weil es die Menschheit sozusagen ein neues Jahr bringt.
00:07:49: Moderatorin: Wie vielfältig ist jüdisches Leben
00:07:52: in Österreich heute religiös, kulturell und gesellschaftlich?
00:07:56: Junger: Sehr. Die jüdische Gemeinde in Wien, in Österreich,
00:08:01: ist ein Einheitsgemeinde. Also in jeder Stadt oder in jeden, in jeder Gemeinde ist es eine
00:08:07: Einheitsgemeinde. Aber in dieser Einheitsgemeinde ist so viel, so viele verschiedene Komponente
00:08:13: von so vielen verschiedenen Herkunftsländern mit verschiedenen Traditionen und das sieht man auch
00:08:18: im lebendigen Judentum dann. Wir sind eigentlich heute die Mehrheit nicht ehemalige österreichische
00:08:28: Jüdinnen und Juden, das heißt zugezogen aus meistens Osteuropa und jeder hat dann seine
00:08:34: Traditionen aus der Familie, aus der Gemeinde, woher man kommt, obwohl diese Gemeinden schon
00:08:38: seit über 80 Jahren nicht existieren. Und das lebt man hier aus und das merkt man dann,
00:08:43: ob religiös oder auch kulturell vom Essen, vom ja, in der Kunst überall kommt dann das heraus,
00:08:53: woher man eigentlich stammt. Und das ist das Schöne. Ich glaube, Österreich war immer schon,
00:08:57: also Wien insbesondere die Hauptstadt der Monarchie, wo es so viele Völker und
00:09:02: Menschen zusammengekommen sind und jeder sozusagen seinen Teil beigetragen hat in,
00:09:07: ja, in seiner Art und Weise. Und das sieht man hier auch sehr stark in der jüdischen Gemeinde.
00:09:13: Moderatorin: Welche Rolle spielen jüdische Kultur, Religion und Tradition für das heutige Österreich?
00:09:21: Junger: Ich glaube, wenn man in ein Land lebt, wo also in einer Demokratie, wo jeder seinen
00:09:29: Platz hat, wo jeder eine Stimme hat, wo jeder leben kann auf ihre und seine Art und Weise,
00:09:36: ohne dass es den anderen beeinträchtigt. Darum geht es ja, dass wir miteinander leben. Ich sage
00:09:41: immer, wir sprechen von, dass wir integriert sind. Ich bin z.B. orthodoxe Jüdin. Bei mir vielleicht
00:09:47: nicht so sehr erkenntlich wie…ich habe nur Söhne, also bei mein, wie meinen Kindern, meine Jungs,
00:09:51: wo es sofort erkenntl…, zu erkennen ist und dass sie genauso toleriert werden wie andere,
00:09:57: die vielleicht auch anders gekleidet sind, aber trotzdem hier integriert sind, in die Schule
00:10:02: gegangen sind, die Sprache sprechen, arbeiten, ihren Beitrag leisten. Und ich glaube, wenn man
00:10:09: einander akzeptiert, dann kann jeder wirklich was beitragen, um auch Toleranz untereinander
00:10:15: zu bringen. Und ich glaube, die jüdische Gemeinde hier ist sehr, sehr lebendig, auch wenn sie nicht
00:10:19: so groß ist besonders im Vergleich zu früher, macht das schon einen Unterschied. Also,
00:10:25: wenn wir ein Straßenfest am Judenplatz haben, ich glaube für Neugierige, für Leute, die mit dem
00:10:29: Judentum vielleicht nicht so viel in Berührung gekommen sind, ist es schon etwas, wo man das
00:10:34: kennenlernen kann. Ja und in der Geschichte gibt es ja mehr als genug, das wissen wir, aber es
00:10:41: zählt das heutige jüdische Leben noch mehr und ich glaube da gibt es noch viel voneinander zu lernen.
00:10:49: Moderatorin: Was braucht es ihrer Meinung nach
00:10:51: für ein gutes und selbstverständliches jüdisches Zusammenleben in Österreich?
00:10:57: Junger: Ich glaube es ist in Wien anders wie in den anderen Bundesländern. In manchen
00:11:02: Bundesländern ist es z.B. in der Sommerzeit vielleicht etwas anders, weil das sehr viele, wenn
00:11:08: Sie sprechen von also sichtbar, also orthodoxe Jüdinnen und Juden kommen dann aus wirklich aus
00:11:14: ganz Europa, mittlerweile aus Israel und Amerika auch sehr viele orthodoxe jüdische Gäste in den
00:11:21: Bundesländern im Sommer. Ich glaube von sichtbar, ich glaube zuerst muss einmal ein Verständnis,
00:11:28: ein gegenseitiges Verständnis bestehen, dass nicht alles, was fremd ausschaut, auch sozusagen
00:11:38: abgrenzen soll, sondern, also diese Ängste, die man hat, die man, wo man sich vielleicht
00:11:42: nicht traut aufeinander zuzugehen. Dass, wenn man das abbauen könnte, glaube ich, dann, dann es ist
00:11:51: nicht das Sichtbare, sondern das Akzeptieren von Sichtbar würde ich eher sagen. Weil ich glaube,
00:11:56: hier in der Stadt ist es in manchen Bezirken ganz normal, wenn man auf der Straße geht und,
00:12:01: und also sichtbare Jüdinnen und Juden sieht. Aber auch jetzt jemand nicht orthodox,
00:12:06: wenn man nur einen Davidstern trägt. Aber auch einfach untereinander, Freunde, die wissen, ja,
00:12:15: und Jüdinnen und Juden in der in der Arbeitswelt, in der Schule und so weiter, wenn man Platz lässt
00:12:21: für, für Konversation. Ich glaube, sehr viel hängt mit Hemmungen, dass man, also ich sehe das auch
00:12:29: selbst, nicht nur in meiner Arbeit, sondern auch im Alltag. oft traut man sich nicht zu fragen,
00:12:33: oft hat man schon Vorurteile oder hat irgendwo irgendwas gehört und nimmt das als Fakt an und,
00:12:43: also ich gebe Ihnen ein Beispiel: Es ist unglaublich verbreitet, dass Jüdinnen und Juden
00:12:48: von Steuern befreit werden in Österreich. Also, das hätte ich vor ein paar Jahren nicht gesagt,
00:12:53: weil ich gedacht habe, das sagen Einzelne. Aber ich habe das wirklich auch in meiner
00:12:56: Arbeit immer wieder gehört von…eine Lehrerin, eine, also eine Abschlussklasse, ein Gymnasium,
00:13:05: eine Geschichtslehrerin, die gemeint hat, sie findet es so gut, dass in Österreich Jüdinnen
00:13:09: und Juden von Steuern befreit werden. Das heißt, unterrichtet in der Schule, in einer öffentlichen
00:13:13: Schule und findet das gut. Und das habe ich über die Jahre wirklich oft, oft gehört und es ist für
00:13:18: vielen Leuten so eine Selbstverständlichkeit und daraus entstehen dann natürlich auch Vorurteile.
00:13:26: Und wenn ich dann erkläre, also einfach frage, wie stellen Sie sich das vor, muss ich da im Formular
00:13:31: irgendwo was ausfüllen vom Finanzamt? Also, das sind so Dinge,die die Leute bei sich gespeichert
00:13:39: haben, nicht drüber nachdenken, kann das stimmen, kann das nicht stimmen.Was macht es mit mir? Wie
00:13:44: denke ich dann über Jüdinnen und Juden? Und wenn man dann ein offenen Dialog hat, wenn man sich
00:13:49: traut zu fragen, wenn man traut sich zu sprechen und aufeinander zuzugehen, dann glaube ich…
00:13:55: Moderatorin: Kommen wir abschließend noch einmal auf Rosch ha-Schana zurück.
00:13:59: Rosch ha-Scha ist ein Fest des Neubeginns. Wenn Sie sich für das kommende Jahr eine
00:14:04: konkrete Veränderung für jüdisches Leben in Österreich wünschen könnten, welche wäre das?
00:14:11: Junger: Dass sich Jüdinnen und Juden hier richtig zu Hause fühlen. Das heißt,
00:14:16: dass Österreich wirklich ihre Heimat ist.
00:14:20: Auch wenn man wirklich aus irgendwoher gekommen ist, wenn es jetzt ukrainische Jüdinnen und Juden,
00:14:25: die geflüchtet sind im Krieg oder Menschen, die schon seit 70 Jahren hier leben. Und genauso,
00:14:31: dass die gesamte, die österreichische Bevölkerung Jüdinnen und Juden als Teil
00:14:36: der österreichischen Gesellschaft akzeptieren. Das wäre für uns hier in Österreich mein Wunsch.
00:14:41: Moderatorin: Herzlichen Dank für diese spannenden Einblicke. Das war eine weitere
00:14:46: Folge von am Ballhausplatz, den Podcast des österreichischen Bundeskanzleramts.
00:14:51: Überall dort nachzuhören, wo es Podcast gibt. Bis zum nächsten Mal.
00:14:58: [Musik]