Folge 16: Null Toleranz bei Gewalt an Mädchen

Shownotes

Zwangsheirat und weibliche Genitalverstümmelung sind schwere Menschenrechtsverletzungen und auch in Österreich ein relevantes Thema. Familien- und Integrationsministerin Claudia Bauer erklärt, welche Maßnahmen gesetzt werden, welche Unterstützung Betroffene erhalten und warum Aufklärung entscheidend ist.

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00:00:00: Aber wenn FGM beispielsweise in den  Sommerferien im Ausland gemacht wird,

00:00:04: dann macht man sich strafbar. Und es ist wichtig,  dass es auch verbreitet wird, das Wissen darüber,

00:00:09: dass diejenigen, die Mädchen dieses diese Gewalt  antun, bis zu 15 Jahre Haft auch riskieren müssen.

00:00:16: [Musik:]

00:00:19: Moderatorin: Herzlich willkommen "Am Ballhausplatz", dem Podcast  des österreichischen Bundeskanzleramts. Mein Name

00:00:24: ist Amra Mulic und gemeinsam blicken wir hinter  hinter die Kulissen und sprechen über aktuelle

00:00:29: Schlagzeilen. Heute begrüße ich Integrations und  Familienministerin Claudia Bauer im Studio.

00:00:35: Wir sprechen leider über zwei sehr ernste Themen,  die im Sommer wieder Hochkonjunktur erleben.

00:00:41: Zwangsheirat und weibliche Genitalversümmelung.  Für viele in westlichen Gesellschaften ist das

00:00:47: kaum vorstellbar, aber leider Gottes sind  viele Freuen noch immer davon betroffen,

00:00:52: auch in Österreich. Herzlich willkommen,  Frau Bundesministerin.

00:00:55: Bauer: Vielen Dank für die Einladung.

00:00:58: Moderatorin: Frau Ministerin, warum ist weibliche  Genitalversümmelung nicht nur ein Problem

00:01:02: bestimmter Herkunftsländer, sondern auch ein Thema  für europäische Staaten? Warum ist es wichtig,

00:01:08: dass die Politik auch in Österreich und Europa  aktiv gegen weibliche Genitalversümmelung einsetzt?

00:01:14: Bauer: Ja, FGM (Weibliche Genitalverstümmelung) wird leider viel zu oft als harmlose Tradition abgetan und es ist

00:01:20: alles andere als eine harmlose Tradition. Es ist  auch kein harmloses Brauchtum in gewissen Ländern

00:01:25: oder Religionen. Es ist pure körperliche  Gewalt, die Mädchen hier erleben und das

00:01:30: hat lebenslange Folgen – dann auch später als Frau.  Es hat Konsequenzen für die psychische Gesundheit,

00:01:36: aber auch für die körperliche Gesundheit und  es betrifft Frauen mitten unter uns, denn diese

00:01:41: Kulturkreise, wo das leider eine eine Gewalt zum  Teil der ehkulturellen Gewalt eben auch gehört,

00:01:48: diese sind auch mitten unter uns. Und es ist umso  wichtiger, dass wir hier auch entschieden dagegen

00:01:54: vorgehen, dass wir sensibilisieren und aufklären  und konkrete Hilfsangebote den betroffenen Frauen auch geben.

00:02:00: Moderatorin: Zur Einordnung, wie viele Mädchen  und Frauen sind von weiblicher Genitalversümmelung

00:02:05: betroffen oder gefährdet? Wie viele Mädchen sind  konkret in Österreich betroffen?

00:02:10: Bauer: Es gibt dazu eine  Studie von der Medizinischen Universität Wien  gemeinsam mit der Koordinationsstelle FGMC

00:02:17: und die gehen davon aus, dass 11.000 Mädchen und  Frauen betroffen sind und rund 3.000 Mädchen potenziell betroffen sind.

00:02:25: Moderatorin: Wie ist die Situation  aktuell? Reichen die bestehenden Gesetze gegen

00:02:30: Genitalversümmelung aus oder gibt es hier Lücken?  Welche Maßnahmen können Politik und Behörden

00:02:36: ergreifen, um Prävention zu stärken?

00:02:39: Bauer: Mir ist es ganz wichtig, dass wir an drei Ecken und aus drei Perspektiven dieses Thema angehen.

00:02:44: Das eine ist  ganz klar die rechtlichen Rahmenbedingungen. Hier

00:02:47: haben wir sehr, sehr strenge Auflagen und das ist  bei FGMC auch eine besondere rechtliche Situation,

00:02:55: weil diese Straftat selbst wenn sie im Ausland  begangen wird, auch in Österreich strafbar ist.

00:02:59: Das ist normalerweise nicht so im österreichischen  Recht. Da muss eine Straftat in Österreich

00:03:04: begangen werden, aber wenn FGM beispielsweise  in den Sommerferien im Ausland gemacht wird,

00:03:09: dann macht man sich strafbar. Und das ist wichtig,  dass es auch verbreitet wird, das Wissen darüber,

00:03:14: dass diejenigen, die Mädchen dieses diese Gewalt  antun, bis zu 15 Jahre Haft auch riskieren müssen.

00:03:21: Mir ist es auch wichtig als zweiten Punkt in  der Sensibilisierung und Aufklärungsarbeit

00:03:25: Mädchen auch konkrete Unterstützung zu geben  bis hin dazu und das ist der dritte Punkt,

00:03:30: dass es auch Anlaufstellen, Beratungsstellen  dazu gibt mit der FGM Koordinationsstelle,

00:03:36: mit dem ÖIF Frauenzentrum, aber auch mit der  Pflicht, die wir jetzt im kommenden

00:03:41: Elternkindpass einführen im Herbst,  dass darüber aufgeklärt werden muss,

00:03:46: dass Fälle von FGM auch dokumentiert werden  müssen bei den Mutterkinduntersuchungen.

00:03:51: schon während der Schwangerschaft und damit können  wir zumindest die nächste Generation an Mädchen

00:03:55: hoffentlich auch besser schützen und das ist  mir sehr sehr wichtig hier in dem Zusammenhang.

00:04:01: Moderatorin: Sie haben schon angesprochen, sie haben ein  neues Maßnahmenpaket vor kurzem präsentiert,

00:04:06: wo auch im Elternkindpass Vermerke enthalten werden sein sollen. Wie kann man sich das vorstellen?

00:04:13: Bauer: Meistens ist es so, dass  betroffene Frauen erstmalig einen Kontakt mit

00:04:19: Gesundheitseinrichtungen, mit Ärztinnen und Ärzten  mit Hebammen dann haben, wenn sie schwanger sind.

00:04:25: Und genau dann müssen bei uns die Alarmglocken  auch läuten – deswegen ist es uns so wichtig gerade in dem Bereich zu

00:04:30: sensibilisieren, weil oft erst dann festgestellt  wird, dass eine Frau von FGM betroffen ist und

00:04:36: ihre in ihrer Kindheit Genitalverstümmelung  stattgefunden hat und das möglicherweise auch zu

00:04:41: Komplikationen während der Schwangerschaft  bei der Geburt beispielsweise auch führt,

00:04:46: aber das auch oft ein lebenslanges Leiden mit sich  zieht und da schon oft zuvor viele körperliche und

00:04:52: auch psychische Beschwerden aufgetreten sind. Uns  ist es wichtig, dass wir genau an diesem Punkt,

00:04:57: wo Frauen das erste Mal in Kontakt mit unserem  Gesundheitssystem auch kommen, aufgeklärt werden,

00:05:02: dass sie wissen, welche Rechte sie auch hier haben  und dass es der nächsten Generation dann erspart

00:05:08: bleibt. Für sie ist es leider schon zu spät, aber  gerade mit dieser Maßnahme, dass es dokumentiert

00:05:14: wird, dass auch verpflichtend darüber aufgeklärt  wird, dass das in Österreich verboten ist,

00:05:18: dass es ein Straftatbestand ist, auch wenn es im  Ausland durchgeführt wird. Das ist ganz wichtig,

00:05:22: dass wir das den Betroffenen Müttern in dem  Fall auch klar machen, weil ihre ungeborenen

00:05:26: Töchter damit geschützt werden können. Moderatorin: Es sind ja sehr viele junge Mädchen betroffen,

00:05:32: die in die Schule gehen und so. Was gibt's da  für Möglichkeiten, dass man die aufklärt oder

00:05:36: dass man die informiert, dass sie wissen, wo sie hingehen können?

00:05:40: Bauer: Wir bereiten hier im Moment einen Schutzbrief nach internationalem Vorbild auch vor.

00:05:44: Es ist ebenso Teil des nationalen Aktionsplanes

00:05:46: gegen Gewalt an Frauen und wir haben auch  seitens des Bundeskanzleramtes eine eigene

00:05:51: Broschüre herausgegeben, wo es eben jetzt genau  um die Ferienzeit auch geht. Bei diesem Thema

00:05:56: ist unglaublich wichtig, dass mehrere Zahnräder  ineinander greifen, dass die Aufklärung nicht

00:06:01: nur bei Betroffenen oder potenziell betroffenen  Mädchen passiert und Familien passiert,

00:06:06: sondern dass von Ärztinnen und Ärzten über Heben,  Pflegekräfte bis hin zu Lehrerinnen und Lehrern

00:06:13: auch über dieses Thema mehr Wissen verbreitet  wird und hier klare Informationen auch zur

00:06:20: Verfügung stehen. Besonders die Ferienzeit  ist leider hier immer eine Hochrisikozeit.

00:06:25: Wenn Familien in ihre Herkunftsländer fahren.  Aber da müssen wir auch deutlich machen,

00:06:29: diese Straftaten, die begangen werden, diese pure  Gewalt, denen Mädchen ausgesetzt sind, die ist

00:06:36: strafbar in Österreich eben bis zu 15 Jahre Haft.  Moderatorin: Kommen wir nun zu einem anderen Thema.

00:06:44: Die Sommerferien werden leider oft auch  genutzt, um Mädchen gegen ihren Willen in den

00:06:49: Herkunftsländern zu verheiraten. Laut Expertinnen  und Experten wird geschätzt, dass bis zu 5000

00:06:54: Frauen in Österreich von Zwangsehe betroffen oder  bedroht oder schon betroffen sind.

00:07:01: Was kann hier unternommen werden? Wie können Mädchen  hier besser geschützt werden? Bauer: Auch hier ist leider

00:07:07: die Sommerzeit eine Hochrisikozeit und das was  helfen kann ist das Wissen der Betroffenen. Das

00:07:13: Mädchen darüber Bescheid wissen, dass Ehen nur  dann beschlossen werden können, geschlossen

00:07:18: werden können, wenn sie dem auch ganz klar ihre  Zustimmung geben. Und da wird enormer Druck über

00:07:24: die Familie aufgebaut. Da passiert dieser Druck  auch in Form dessen, dass man keine Schande über

00:07:30: der über die Familie kommen darf, dass dort schon  jemand wartet, der einem vorgestellt wird und

00:07:37: es ist schon alles organisiert. Dieser Druck macht  natürlich etwas mit einem Mädchen, aber klar ist,

00:07:42: es gilt die österreichische Rechtslage, dass  solche Ehen bei uns nicht erwünscht sind und auch

00:07:46: nicht anerkannt sind. Wenn eine Ehe geschlossen  wird, dann aus Liebe und aus Freiwillig, wenn

00:07:51: beide zustimmen. Moderatorin: Was versteht man eigentlich  unter Zwangsheirat? Ist das vergleichbar mit

00:07:57: arrangierten Ehen oder gibt es hier Unterschiede?  Bauer: Bei den arrangierten Ehen gehen die Eltern so vor,

00:08:04: dass sie den Kindern jemanden vorstellen und  das Kind das Mädchen dann selbst entscheidet.

00:08:10: Bei den Zwangsehen fehlt diese Zustimmung.  Und hier ist ein ganz klarer Unterschied.

00:08:15: Moderatorin: Was kann man als Betroffene tun?  Wohin kann man sich wenden? Bauer: Auch hier helfen

00:08:21: unsere vielen Beratungsstellen. Das ist ebenso  in dieser Broschüre auch mit aufgelistet. Das

00:08:26: beginnt eben bei den fachlichen Beratungsstellen.  Einerseits wieder FGMC Koordinationsstelle bis

00:08:32: hin zu 147: Rad-auf-Drat auch für junge Mädchen  in diesem Kontext bitte Gebrauch davon zu

00:08:39: machen. Auch die Polizei in Österreich ist die  Anlaufstelle auf die wir uns Gott sei Dank hier

00:08:43: verlassen können bei diesen Themen. Bis  hin auch zum österreichischen Integrationsfond (ÖIF),

00:08:48: der hier insbesondere in der Beratung von  Frauen und Mädchen ganz wichtige Arbeit leistet,

00:08:52: auch in der Sensibilisierung, dass Frauen in  Österreich auch bewusst wird, dass hier eine

00:08:57: ganz andere rechtliche Lage auch herrscht als  zumeist in ihren Herkunftsländern und dass sie

00:09:02: sie drauf verlassen können, rechtlich, dass Frauen  auch Männern gleichgestellt sind und dass ihr Wort

00:09:07: hier viel mehr wiegt. Moderatoin: Was können Sie jungen,  Freunden und Mädchen äh mitgeben? Vor allem Frauen

00:09:14: mit Migrationshintergrund als Ministerin, dass  sie sich emanzipieren gegen sowas.

00:09:20: Bauer: Lassen Sie  sich nicht unter Druck bringen, informieren Sie  sich. Teilen Sie auch diese Information in Ihrem

00:09:26: Umfeld auch bei anderen Betroffenen, potenziell  betroffenen Frauen und Mädchen suchen Sie sich

00:09:32: Ansprechpersonen, persönliche Ansprechpersonen,  denen Sie vertrauen, mit denen Sie Hilfswörter,

00:09:37: Codewörter ausmachen können, wo Sie auch  sichere Orte möglicherweise vorfinden können,

00:09:43: wo Sie ja sich auch zurückziehen können.  Bewahren Sie ihre Dokumente an sicheren Orten auf,

00:09:49: die nur ihnen bekannt sind, glaube ich  ganz wichtig. und speichern Sie sich die

00:09:52: wichtigsten Telefonnummern der Anlaufstellen hier auch ein. Moderatorin: Super, vielen herzlichen Dank

00:09:58: für diesen spannenden Austausch. Das seine  weitere Folge "Am Ballhausplatz", den Podcast

00:10:04: des österreichischen Bundeskanzlands. Nachzuhören  überall dort, wo es Podcasts gibt. Vielen Dank.